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Minoisch-mykenische Reliefkunst

Projektträger: Institut für Klassische Archäologie

Projektleitung: ao.Univ.-Prof. Mag. Dr. Fritz Blakolmer

Dieses Habilitationsprojekt hat zum Ziel, auf der Grundlage der altägäischen Bildwerke im Relief ein adäquates Verständnis der minoisch-mykenischen Kunstgeschichte zu erarbeiten. Reliefbilder auf Gefäßen, Plaketten, Innenraumwänden und anderen Bildträgern in den Materialien Terrakotta, Stein, Edelmetall, Fayence, Wandstuck, Elfenbein, Bein und Holz bilden eine bestens geeignete Ausgangsbasis für die Erforschung der Ikonographie und ihrer Mechanismen in den Palastkulturen der bronzezeitlichen Ägäis. Zentrale Fragestellungen dieses Projektes bilden einerseits die ikonographische und stilkritische Analyse der Reliefwerke mit komplexer Motivik sowie eine Annäherung an wesentliche Charakteristika des minoisch-mykenischen Kunstschaffens, wie dies heute in deutlich reicherem Umfang möglich ist als noch vor wenigen Jahrzehnten. Andererseits eignet sich gerade die vielseitige Reliefkunst besser als andere Kunstgenera zur Rekonstruktion einer Kunstgeschichte der ägäischen Frühzeit.

Abb. 1: Goldbecher A und B von Vapheio, Wandabwicklung (nach Evans, PM III Abb. 123).
Abb. 2: "Schnittervase" aus Agia Triada, Rekonstruktion von A. Evans (nach Evans, PM II Suppl.-Taf. XVII).

Dabei erweisen sich die traditionellen Vorstellungen einer linearen Entwicklungsgeschichte von künstlerischem Stil und Ikonographie im 2. Jahrtausend als nur in begrenztem Maße gültiges Konzept. Bereits im Mittelminoikum, und teils schon in der späten Altpalastzeit Kretas, war die minoische Bildkunst in groben Zügen ausgebildet und erreichte ihren Zenit in der Neupalastzeit während fortgeschrittenem MM III und SM I. Immer wieder verblüffen uns Adaptionsfähigkeit und der Drang nach Eigenständigkeit kretischer Künstler im Umgang mit fremden Bildideen. Stilistische Vielseitigkeit, Raffinesse in der Kompositionsweise und narrative Qualitäten (Abb. 1-3) bilden markante Wesenszüge der minoischen Reliefkunst, die weit über das bisher Bekannte hinausreichen dürften. Neopalatial-kretische Bildvorstellungen können als "klassisch" verstanden werden, bilden sie doch das standardisierte Repertoire für die gesamte Spätbronzezeit, und dies auf Kreta ebenso wie auf dem mykenischen Festland. Eine Reihe von Einzelbeobachtungen läßt das Gedankenmodell wahrscheinlich erscheinen, daß die monumentalen, polychromen Stuckreliefs im Palast von Knossos (Abb. 4) als Vorbilder und Ausgangspunkt für eine Bildwelt fungierten, die in alle Gattungen der Kleinkunst sowie auf ganz Kreta und darüber hinaus ausstrahlte. Ein Studium einzelner Reliefwerke unterschiedlicher Bildthematik legt nahe, daß diese offizielle Palastikonographie, ihre Bildsprache und ihre künstlerischen Konzepte im neupalastzeitlichen Kreta mit Hilfe von Bild- und Motivtypenvorlagen in Form reliefierter Miniaturmodelle verbreitet wurden, welche die palatiale Ideologie von Knossos auch nach außen trugen.

Abb. 3: Silberkrater aus Schachtgrab IV in Mykene, Wandabwicklung (nach I. Mylonas Shear, Tales of Heroes. The Origins of the Homeric Texts [2000] 36 Abb. 55).
Abb. 4: Rekonstruktion des Stuckreliefs vom "Northern Entrance Passage" des Palastes von Knossos.

Das Ringen um die kretische Form und die Auseinandersetzung mit dem einst Erreichten kennzeichnen das ägäische Kunstschaffen während der gesamten zweiten Hälfte des 2. Jahrtausends und lassen uns an Eigenständigkeit und Verselbständigung einer "mykenischen Kunst" grundlegend zweifeln. Jedoch auch mit dem Begriff des "Stilverfalls" werden wir den Künsten auf dem griechischen Festland nur bedingt gerecht. Stilistische und motivgeschichtliche Analysen erlauben ein Entflechten der unterschiedlichen Traditionsstränge, die beispielsweise im heterogenen Spektrum an Preziosen mit Bilddekor aus den Schachtgräbern von Mykene erkennbar werden. Dabei lassen sich wesentlich mehr ikonographisch gestaltete Objekte (Abb. 3) der minoischen Tradition zuweisen und als Importe aus Kreta definieren, als in der Forschung bisher angenommen wurde. Besser faßbar wird an vielen schachtgräberzeitlichen Bildwerken jedoch auch ein autochthon-helladischer Stil, der sich bereits in statu nascendi in unterschiedlichem Umfang an kretischer Motivik orientierte und Minoisches mühevoll, improvisierend und individuell adaptierte. Der Prozeß einer "Minoisierung" ist in der Reliefkunst auf dem mykenischen Festland noch in SH IIB-IIIA1 unverkennbar, und aus Kreta importierte Beispiele der Kleinkunst dürften eine wesentliche Funktion bei der Entstehung festländischer Bildwerke erfüllt haben. Stets werden neopalatial-kretische Motive und Stilformen imitiert sowie miteinander kombiniert. Dies äußert sich nicht selten in einer un-minoischen Überladenheit mit traditioneller, teils umgedeuteter oder mißverstandener kretischer Motivik (Abb. 5). Diese Tendenz setzt sich bis in die mykenische Palastzeit fort, und teils gewinnen wir den Eindruck, daß in der Bildkunst nun bewußt eine offizielle mykenische Rückbesinnung auf den einstigen "Glanz Kretas" transportiert werden sollte (Abb. 6). Dennoch heißt der Sieger in dieser kreativen Auseinandersetzung immer wieder: Kreta. Bis zum Ende der Bronzezeit läßt die mykenische Reliefkunst weder eine Emanzipation und Abkoppelung von den Vorbildern des neupalastzeitlichen Kreta noch den Aufbau einer eigenständigen Tradition erkennen. "Mykenisch" bedeutete auf dem künstlerischen Sektor stets "minoisch wirken zu wollen".

Abb. 5: Mykenische Goldtasse aus Dendra (nach A. W. Persson, The Royal Tombs at Dendra near Midea [1931] Frontispiz).
Abb. 6: Mykenische Elfenbeinplakette aus dem "House of Sphinxes" in Mykene (nach A. J. B. Wace, BSA 49, 1954, Taf. 38 c.).

Projektergebnisse:

    • F. Blakolmer, Zu Ikonographie und Charakter des frühägäischen Stuckreliefs, Internet-Zeitschrift Forum Archaeologiae - Zeitschrift für klassische Archäologie (http://farch.net) 11, Juni 1999.
    • F. Blakolmer, Das minoisch-mykenische Stuckrelief. Zur Definition einer palatialen Kunstgattung der ägäischen Bronzezeit, in: F. Blakolmer – H. D. Szemethy (Hrsg.), Akten des 8. Österreichischen Archäologentages vom 23. bis 25. April 1999 am Institut für Klassische Archäologie der Universität Wien, Wiener Forschungen zur Archäologie 4 (Wien 2001) 19–36.
    • F. Blakolmer, Zum Fragment eines minoischen Stuckreliefkopfes aus Knossos, ÖJh 71, 2002, 11–19.
    • F. Blakolmer, The Minoan Stucco Relief: A Palatial Art Form in Context, in: Acts of the 9th International Congress of Cretan Studies, Elounda, 1-6 October 2001, I 3 (Irakleio 2006) 9–25.
    • F. Blakolmer, Vom Wandrelief in die Kleinkunst: Transformationen des Stierbildes in der minoisch-mykenischen Reliefkunst, in: F. Lang – C. Reinholdt – J. Weilhartner (Hrsg.), STEPHANOS ARISTEIOS. Archäologische Forschungen zwischen Nil und Istros. Festschrift für Stefan Hiller zum 65. Geburtstag (Wien 2007) 31–47.
    • F. Blakolmer, The Silver Battle Krater from Shaft Grave IV at Mycenae: Evidence of fighting "heroes" on Minoan palace walls at Knossos?, in: R. Laffineur – S. P. Morris (Hrsg.), EPOS. Reconsidering Greek Epic and Aegean Bronze Age Archaeology. Proceedings of the 11th International Aegean Conference, Los Angeles, UCLA - The J. Paul Getty Villa, 20-23 April 2006, Aegaeum 28 (Liège – Austin 2007) 213–224.
    • F. Blakolmer, Die "Schnittervase" von Agia Triada. Zu Narrativität, Mimik und Prototypen in der minoischen Bildkunst, Creta Antica 8, 2007, 201–242.
    • F. Blakolmer, Der autochthone Stil der Schachtgräberperiode im bronzezeitlichen Griechenland als Zeugnis für eine mittelhelladische Bildkunst, ÖJh 76, 2007, 65–88.
    • F. Blakolmer, Small is beautiful. The significance of Aegean glyptic for the study of wall paintings, relief frescoes and minor relief arts, in: W. Müller (Hrsg.), Die Bedeutung der minoischen und mykenischen Glyptik. VI. Internationales Siegel-Symposium aus Anlass des 50 jährigen Bestehens des CMS, Marburg, 9.–12. Oktober 2008, CMS Beih. 8 (Berlin 2010) 91–108.
    • F. Blakolmer, The iconography of the Shaft Grave period as evidence for a Middle Helladic tradition of figurative arts?, in: A. Philippa-Touchais – G. Touchais – S. Voutsaki – J. Wright (Hrsg.), MESOHELLADIKA. La Grèce continentale au Bronze Moyen. Actes du colloque international organisé par l’École française d’Athènes, en collaboration avec l’American School of Classical Studies at Athens et le Netherlands Institute in Athens, Athènes, 8-12 mars 2006, BCH Suppl. 52 (Athen 2010) 509–519.
    • F. Blakolmer, Der verlassene Stier. Zu Musterbüchern in der Bildkunst des minoischen Kreta, in: ETEOKPHTIKA 1, 2011 (http://www.eteokriti.at/publikationen/eteokphtika/ausgabe-1-2011/).
    • F. Blakolmer, Creto-Minoan art abroad or Mycenaean imitation? The case of the bull reliefs from the Treasury of Atreus at Mycenae, in: 10th International Cretological Congress, Khania, 1-8 October 2006, I 3 (Chania 2011) 461–482.
    • F. Blakolmer, Image and architecture: reflections of mural iconography in seal images and other art forms of Minoan Crete, in: U. Günkel-Maschek – D. Panagiotopoulos (Hrsg.), Minoan Realities. Theory-based Approaches to Images and Built Spaces as Indicators of Minoan Social Structures, International Workshop am Institut für Altertumswissenschaften, Seminar für Klassische Archäologie, Universität Heidelberg, 16. November 2009, Aegis (Louvain) (im Druck).

    Tel.: 0043-1-4277-40620
    email: Fritz.Blakolmer@univie.ac.at

     

     

     

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