Bilder im Wandel. Kontinuität und Identität in der umayyadischen Bildersprache

Qusayr Amra (Jordanien), Wandbild der Sechs Könige (Umzeichnung A. Mielich 1907)

Die Umayyaden, die erste islamische Dynastie (regierte 661-750 n. Chr.), regierten an der Schwelle von der Antike zum Mittelalter ein Großreich, das sich von Spanien im Westen bis an den Indus und die Grenzen Chinas im Osten erstreckte. Das Kernland des Umayyadenreiches war Syrien, eine fest in griechisch-römisch-byzantinischer Tradition verwurzelte Region. Auch die umayyadische Kunst beruht in hohem Maße auf diesem "klassischen" Erbe. Erst als die Abbasiden, die Nachfolgedynastie der Umayyaden, das Zentrum des Reiches weiter nach Osten nach Bagdad verlegten, verlor dieser "klassische" Einfluss – zumindest in der Kunst – an Bedeutung.
Mein Habilitationsprojekt ist den Auswahl- und Transferprozessen gewidmet, die zur Aneignung vorislamischer Bildmotive in der Bildersprache der Umayyaden führten. Besonderes Augenmerk wird dabei auf den Vergleich mit den möglichen Vorlagen gelegt, um aufzuzeigen, welche Aspekte der jeweiligen Motive die umayyadischen Auftraggeber und Künstler besonders ansprachen. Dies gewährt einen Einblick in die Konstruktion einer umayyadischen Herrscheridentität. Geografischer Fokus der Untersuchungen ist das umayyadische Kernland im Nahen Osten.
Bauornamentik und Skulpturen aus Stein und Stuck, Holzschnitzereien, Wandmalerei und Mosaiken mit reichem figürlichem und ornamentalem Dekor sind vor allem aus Moscheen und den sogenannten Wüstenschlössern, großen multifunktionalen Anlagen, überliefert. Diese Moscheen und Wüstenschlösser wurden – soweit in wenigen Fällen nachvollziehbar – von Kalifen und Prinzen errichtet. Da es nur wenige Schriftzeugnisse von den Umayyaden selber gibt und die Geschichte der Epoche daher weitgehend durch byzantinische und spätere abbasidische Quellen wahrgenommen wird, dienen die Bilder aus den umayyadischen Bauten als Primärquellen für Selbstwahrnehmung und Anspruch der umayyadischen Elite.
Die Aneignung von Bildmotiven aus verschiedenen Kulturkreisen, einem international verfügbaren Repertoire, fußt bereits auf einer langen Tradition der Elitenkultur in der spätantiken Welt. Durch die Aneignung vorislamischer Motive wollten sich die Umayyaden vielleicht als kosmopolite, gleichrangige Herrscher in dieser spätantiken Welt präsentieren. Sie definierten ihre Rolle und Identität daher möglicherweise anhand des Verhältnisses zu ihren Vorgänger- und Nachbarreichen, was letztendlich auch die Auswahl der Motive in ihrer Bildersprache prägte.
Ausgehend von den umayyadischen Herrscherdarstellungen werden im Rahmen des Projekts die Transferprozesse untersucht, über die mögliche Vorlagen von den umayyadischen Auftraggebern und Künstlern erschlossen wurden. Anhand von weiteren repräsentativen Fallbeispielen werden verschiedene mögliche Transferwege besprochen: bewegliche Objekte, die als diplomatische Geschenke, durch Handel oder als Kriegsbeute an den Umayyadenhof gelangt sein könnten, Musterbücher aus Mosaikwerkstätten, die auch im 8. Jh. im Nahen Osten noch im "klassischen" Stil arbeiteten, Spolien und wandernde Handwerker. Abschließend sollen die Ergebnisse anhand von aktuellen Theorien der Identitäts- und Kulturtransferforschung dahingehend analysiert werden, inwieweit sich in der umayyadischen Bildersprache die durch interkulturellen Austausch geformte Selbstwahrnehmung und Herrscheridentität der Umayyaden ablesen lassen.

Katharina Meinecke

E-Mail: Katharina.Meinecke@univie.ac.at