Der frühchristliche Kirchenkomplex in Sandanski

Projektträger: Institut für Klassische Archäologie der Universität Wien

Projektleitung: Univ.-Prof. Dr. Renate Pillinger

Mitarbeiter: Dr. Beatrix Asamer (Universität Salzburg), Dr. Reinhardt Harreither (Universität Wien), Martin Hofbauer (ÖAW), MMag. DDr. Elisabeth Lässig (Universität Wien), Mag. Alexander Lirsch (ehrenamtlicher Mitarbeiter), PD MMag. Dr. Andreas Pülz (ÖAW)

Finanzierung: Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung und IKA

Detail des Mosaiks im Mittelschiff

Mosaikfragment

An der Stelle des modernen südwestbulgarischen Sandanski befand sich eine antike Stadt, deren Name bis heute nicht gesichert ist. Archäologische Funde der letzten Jahrzehnte belegen eine wohlhabende Provinzstadt der Römerzeit, die in der Spätantike auch Sitz eines Bischofs war.
Im Zentrum des Projektes steht die Erforschung der Bischofskirche. Sie wurde 1989 bei Bauarbeiten entdeckt und wird seit 1992 vom Team des Archäologischen Museums Sandanski unter der Leitung von Dir. V. Petkov systematisch untersucht. Seit 1995 besteht eine österreichisch-bulgarische Kooperation, die bereits wichtige Ergebnisse erbracht hat und im Rahmen dieses Projektes fortgesetzt wird.
Die Bischofskirche, eine dreischiffige Anlage mit Emporen, ist die größte der vier Basiliken, die bisher in Sandanski ans Tageslicht kamen. Das Atrium schloß aus Platzgründen nicht westlich des Narthex, sondern südlich des Naos an. Ein kurzer, im Südwesten des Narthex anschließender Korridor verband diesen mit dem Baptisterium und einigen, noch nicht ergrabenen Nebenräumen, die westlich des Narthex liegen. Das Baptisterium war bereits während des 1. Weltkrieges aufgedeckt und als Bunker zweckentfremdet worden, dann allerdings wieder in Vergessenheit geraten. Es wurde in den letzten beiden Jahren freigelegt und mit einem hölzernen Schutzbau überdacht. Neben fragmentarisch erhaltenen Wandmalereien gehörte ein Kuppelmosaik, das nur noch in sehr kleinen Teilen im Schutt aufgefunden werden konnte, zur einst reichen Ausstattung.
In der Kirche lassen sich mindestens drei Bauphasen unterscheiden, deren älteste noch an das Ende des 4. oder den Anfang des 5. Jhs. gesetzt werden kann. Dieser ursprüngliche Bau wies in allen drei Schiffen Mosaikböden mit geometrischem Dekor auf, die Wände schmückte flüchtige Architekturmalerei. In einer zweiten Phase (2.H.5.Jh.) erfährt der Bau eine durchgreifende Umgestaltung: das Presbyterium wird umgestaltet und vermutlich leicht erhöht, ein zweiläufiger Ambo südlich aus der Mittelachse versetzt errichtet sowie ein großer Teil des Mosaikbodens im Mittelschiff erneuert. Außerdem werden die Wände mit einer deutlich qualitätvolleren Malerei versehen.

In einer letzten Phase, die wohl im mittleren 6.Jh. anzusetzen ist, wurden zu beiden Seiten der Apsis Pastophorien eingerichtet und im westlichen Teil des Mittelschiffes sowie im Narthex Bänke eingebaut. Das erhöhte Presbyterium erhielt einen opus- sectile-Belag, das Mittelschiff einen Marmorplattenboden und die beiden Seitenschiffe einen aus Ziegelplatten. Sowohl im Naos als auch im Narthex wurde die Wandmalerei ein weiteres Mal erneuert. Interessant ist auch die Aufschüttung unter dem Marmorplattenboden, da sie zahlreiche Fragmente eines weiteren Mosaikbodens, wohl aus der Mitte des 5.Jhs und von ansprechender Qualität, enthielt. Die Zerstörung der Kirche dürfte im späten 6.Jh. erfolgt sein.
Ergänzend zur Bischofskirche findet im Rahmen des Projektes auch das städtische Umfeld Beachtung. Da anscheinend alle vier Kirchen im Zentrum von derselben, von Portiken begleiteten Straße aus zugänglich waren, stehen Untersuchungen zur Beziehung dieser Kirchen untereinander - sowohl vom städteplanerischen als auch vom funktionellen Standpunkt aus - im Vordergrund.
Weiters soll eine eingehende Beschäftigung mit den Nekropolen besseren Einblick in das Leben der spätantiken Stadt und ihrer Bewohner gewähren. Hier ist vor allem die 1992 teilweise untersuchte Nekropole beim Jagdhaus ("Loven Dom") im Nordosten der Stadt von Interesse.

  • V. Petkov et.al., Die frühchristliche Kirche beim Dorf Mikrevo, Bezirk Sandanski (Südwestbulgarien). MiChA 4 (1998) 23-30
  • B. Asamer - B. Zimmermann, Die Mosaiken der frühchristlichen Kirche bei Mikrevo / Sandanski. MiChA 4 (1998) 31-44
  • R. Pillinger - V. Popova-Moroz - B. Zimmermann, Corpus der spätantiken und frühchristlichen Wandmalereien Bulgariens. Wien 1999, Nr. 68-73
  • D. Stojanova-Serafimova, Die frühchristliche Basilika in der Ul. Partizanska / Sandanski. MiChA 6 (2000) 9-15
  • V. Petkov - O. Somova+, Eine spätantike Nekropole des 3. - 6. Jahrhunderts beim "Loven dom" (=Jagdhaus) in Sandanski. Ein Vorbericht (mit einem Beitrag von S. Filipova). MiChA 9 (2003) 24-47.
  • V. Petkov, Geschichte der archäologischen Untersuchungen in der Stadt Sandanski (1917-2002). In: Spartacus 2. 2075 Jahre des Aufstands von Spartacus. Thrakisch-römisches Erbe. 2000 Jahre Christentum. Internationales Symposium 1. - 4. Oktober 2002 Sandanski. Veliko Tarnovo 2006, 240-250 (bulg.)
  • S. Petrova, Bauskulptur aus der Bischofskirche - Stadt Sandanski. In: Ebd., 251ff. (bulg.)
  • R. Pillinger, Die Stifterinschrift des Johannes in Sandanski (Bulgarien) und ihr monumentales Umfeld. MiChA 12 (2006) 56-72
  • Dies., Stroiteljat nadpis na Joan v Sandanski i negovata monumentalna sreda, in: Numismatica, Sphragistica and Epigraphica 4 = Studia in honorem V. Velkov, Sofia 2008, 217 – 228 und Taf. 25 – 28.
  • B. Asamer, Sandanski. In: R. Pillinger - V. Popova-Moroz, Corpus der spätantiken und frühchristlichen Mosaiken Bulgariens, Wien 2016, 347 - 356.

R. Pillinger
Tel.: 0043/1/4277/40611