Urbanistische Studien zum Ostviertel von Velia

Projektträger: Institut für Klassische Archäologie

Projektleitung: a.o. Prof. Dr. Verena Gassner

MitarbeiterInnen: Dr. Maria Trapichler; Carina Hasenzagl, BA BA MA; Andreas Hochstöger, BA; Regina Klingraber
Posselt & Zickgraf, Marburg (geophysikalische Prospektion)

Finanzierung: Universität Wien; Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (P P28156-G25) Beginn Juli 2015.

Kooperation: Soprintendenza Archeologia della Campania

Stadtplan von Velia (zur Vergrößerung bitte Bild anklicken)

Blick aus dem Olivenhain des Vignale (Oststadt) auf die Akropolis

Wie in vielen anderen großgriechischen Städten hat sich auch in Velia die Forschung bisher vor allem auf die zentralen Bereiche der Stadt mit dem öffentlichen und sakralen Raum konzentriert, während das große Viertel der Oststadt, das sog. Vignale, bisher kaum Beachtung gefunden hat. Zentrales Thema des Projekts ist es, neue Erkenntnisse zur urbanistischen Organisation dieses Stadtviertels zu gewinnen, indem wir für Velia neue Methoden, wie die geophysikalische Prospektion, anwenden, um Einblicke in die Anlage des Straßensystems zu erhalten. Diese Untersuchungen werden ergänzt durch an ausgewählten Stellen vorgenommene Grabungen, durch die Fragen zur chronologischen Entwicklung des Viertels sowie zu seiner Funktion beantwortet werden sollen. Nach Parallelen in anderen westgriechischen Kolonien können wir eine Nutzung vor allem als Wohnviertel annehmen, ebenso aber eine Funktion als Handwerkerviertel oder für andere kommerzielle Tätigkeiten.
Parallel dazu werden ausgewählte Keramikkomplexe aus älteren Grabungen bearbeitet und für die Publikation vorbereitet (M. Trapichler). Es ist davon auszugehen, dass eine bessere Kenntnis des Ostviertels, das mehr als die Hälfte des gesamten velinischen Stadtgebiets einnimmt, auch unsere Gesamtvorstellungen von der Stadt Velia und ihrer Entwicklung deutlich verändern wird.

Die Kampagne 2015

Die Herbstkampagne 2015 war zunächst der allgemeinen Begehung des großen Areals der Oststadt gewidmet, an die Ende September eine zweiwöchige geophysikalische Prospektion anschloss (Geomagnetik und Georadar, PZP Marburg, Mitarbeiter T. Riese, U. Stephan), die insgesamt 7,7 ha erfassen konnte. Dabei zeigte sich, dass das schon in den 1980er Jahren von F. Krinzinger für den westlichen Bereich der Oststadt erschlossene Straßensystem (Richtungssystem 6) sich bis zu jener Terrasse fortsetzt, die über dem sog. vallone del Vignale, einem tiefergelegenen Bereich, liegt. Der im Südosten anschließende Bereich zeigt hingegen eine andere Orientierung, die sich an der Ausrichtung jener Stadtmauer orientiert, welche die östliche Begrenzung des Stadtgebiets darstellt (Richtungssystem 7). Hier konnten die Maße einer Insula mit rund 108,90 x 37,42 m festgestellt werden. Das größte Gebäude fand sich im Bereich des Richtungssystems 6: es handelt sich um eine 82,80 x 45,61 m große Hofanlage, die an allen Seiten von Portiken umgeben ist. Eine Interpretation als Bau mit öffentlicher Funktion liegt nahe.
In verschiedenen Bereichen ergaben die geomagnetischen Messungen Hinweise auf Öfen, von denen vor allem jene im nördlichen Bereich relativ klein sind. Möglicherweise handelt es sich bei ihnen, wie bei jenem in Grabungsfläche 1/15 (s. infra) um Öfen für Eisen. Im südöstlichen Bereich fanden sich hingegen mehrere größere Öfen, von denen einige birnenförmig sind. Sie können vermutlich mit der Herstellung von Keramik und Ziegeln in Verbindung gebracht werden.

Endsituation in den Grabungsflächen 1-4/15 (von Süden)

Der spätrepublikanische Ofen in Grabungsfläche 1/15

Im nördlichen Bereich wurden vier Grabungsschnitte angelegt (GF 1-4/15), um die Existenz einer hier angenommenen Questraße (plateia B/C) zu überprüfen. Diese Grabung wurde als Lehrgrabung des Institut für Klassische Archäologie durchgeführt. Ältester ergrabener Befund war ein kleiner Ofen (FQE 2013), in dessen Inneren sich ein großer Schlackerest fand, der seine Verwendung für Eisen erkennen ließ. Dieser vermutlich in die spätrepublikanische Zeit zu datierende Ofen wurde nach seiner Aufgabe fast völlig abgetragen und seine Reste, darunter auch viele Schlacken, in einer Grube deponiert. In der mittleren Kaiserzeit wurde darüber die in Ost-West-Richtung orientierte Mauer FQE 2012 errichtet, welche als nördliche Begrenzung der angenommenen Straße B/C interpretiert werden kann. Überraschenderweise setzte sich die Verbauung dieses Gebiets bis in die Spätantike fort. Die Mauer FQE 212 wurde durch eine sie teilweise überlagernde Mauer FQE 211 überbaut, in deren Süden ein sehr einfaches Straßenpflaster sowie ein Kanal freigelegt wurden. Damit wurde eine Ausdehnung des Stadtgebiets von Velia bis in die Oststadt auch noch für das 5. Jh. n. Chr. nachgewiesen.

Die spätantike Situation und der Kanal südlich der Mauer FQE 2011

Die Lehrgrabung 2015. Hintere Reihe: A. Hochstöger, Ch. Hrubesch, A. Mayer, M. Friebel, J. P. Schmidt, V. Gassner; vordere Reihe: M. Raffaeta (Erasmus-Austausch Pisa), V. Kolomaznik, S. Dieberger, S. Alankaya, J.Stockinger. Fotografin und daher nicht im Bild: R. Klingraber.

Ausgewählte Bibliographie

  • F. Krinzinger – V. Gassner – J. Grabner – A. Sokolicek, Archäologische Forschungen in der Oststadt von Velia. (Untersuchungen der Jahre 1980-88 und 1994-97), ÖJh 68, 1999 Beiblatt 53-100
  • V. Gassner, Die urbanistische Entwicklung von Elea in Grossgriechenland: Von den Anfängen bis zur Umgestaltung der Stadt im 5. Jh. v. Chr., in N. Povahalev (Hrsg.), Phanagoreia und darüber hinaus…Festschrift für Vladimir Kuznetsov. Altertümer Phanagoreias 3 (Göttingen 2014) 419-460