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Kulte und Kulttopographie in der Polis der Athener

 

Projektleitung: Univ.Prof. Dr. Marion Meyer

Religion ist in der griechischen Antike weniger eine Frage des Glaubens als eine Frage der Praxis, des sozialen Handelns. Einrichtung und Ausübung eines Kultes sind Belege für die timai (Ehren), die einer Macht erwiesen werden. Individuelle wie kollektive Kultaktivitäten haben vielfältige Spuren hinterlassen, die in Kultstätten sowie archäologischen, literarischen und epigraphischen Zeugnissen greifbar sind.

Zu keiner antiken griechischen Stadt stehen so viele Informationen zur Verfügung wie zur Polis der Athener. Es gibt in der Stadt (Athen) und auf dem Land (Attika) zahlreiche archäologische Stätten, Fundplätze und Fundstücke, die wegen ihrer kulturhistorischen, nationalen und kommerziellen Bedeutung vielfältige Aufmerksamkeit bekommen (und entsprechend strapaziert werden), ferner reichlicheres literarisches Material als aus jeder anderen griechischen Stadt (historische Schriften, Dramen und Komödien, Reden) sowie epigraphische Quellen. An der Erschließung dieses Materials wird auf nationaler und internationaler Ebene intensiv gearbeitet.

Synchrone und diachrone Studien, die die Vielfalt der Kulte berücksichtigen, wurden in den letzten Jahren vor allem unter Berücksichtigung der Schriftquellen geschrieben, mithin aus althistorisch-epigraphisch-philologischer Perspektive. Darunter sind exzellente Arbeiten, die eine aussichtsreiche Grundlage für ein erweitertes, das archäologische Material (Kultstätten und Fundstücke) mit einbeziehendes Bild bieten. Von archäologischer Seite liegen Studien zu diversen Kultplätzen vor.

Es ist anzustreben, eine Vernetzung der Ergebnisse und der Kompetenzen der altertumswissenschaftlichen Disziplinen zu erreichen mit dem Ziel

1. Zeugnisse für Kulte und Kultstätten im Staat Athen (urbanes Zentrum und Attika) in einer für diverse Fragestellungen nutzbaren Weise zu organisieren und

2. synthetische Studien zu einzelnen Komplexen (z.B. KultempfängerInnen bzw. Kulten, Anbindung neu eingeführter Kulte, Diversität der Kultlandschaft in bestimmten Zeitabschnitten) zu erstellen. Es bietet sich an, sich auf das an archäologischen wie schriftlichen Zeugnissen besonders ergiebige 4. Jh. v.Chr. zu konzentrieren.

Derzeit arbeite ich an einer Studie über die Verehrung der Athena auf der Akropolis von den Anfängen bis zur klassischen Zeit. In der 2. Hälfte des 5. Jhs. v.Chr. wurden der Stadtgöttin von Athen zwei Tempel auf der Akropolis errichtet, die - nach mehrfachen Veränderungen - bis heute das Erscheinungsbild des Heiligtums prägen: der Tempel mit dem alten Kultbild (das sog. Erechtheion) im nördlichen Teil der Akropolis und der Tempel der Athena Parthenos (der sog. Parthenon) im südlichen Teil. Beide Gebäude hatten Vorgängerbauten - d.h., beide Gebäude stehen in längeren Traditionen. In Bezug auf diese Traditionen ist fast alles umstritten: die  Geschichte wie auch die Plazierung der Bauten, das Alter und Procedere gewisser Kultpraktiken (z.B. die Weihung eines Peplos), die Aussagekraft bestimmter Mythen für die Tradition des Kultes, die Thematisierung bestimmter Zuständigkeiten der Göttin etc. Bei meiner Skizze einer Entwicklung der Verehrung der Göttin werden daher unterschiedliche Themen behandelt: die Geschichte der Kultbauten auf der Akropolis, Quellen zur Kultpraxis, mythische Erzählungen und ihre Überlieferung,  bildliche Darstellungen der Göttin.

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