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Ausgrabung Molino San Vincenzo

Fundplatz

Molino San Vincenzo ist ein ländlicher Siedlungsplatz in der nördlichen Toskana. Er befindet sich nahe Empoli in der Gemeinde Montespertoli, rund 250 Meter vom Torrente Pesa, einem Zufluss des Arno, entfernt. (Abb. 1 und 2)

Heute noch wird das Gebiet agrarisch bewirtschaftet: Neben Feldfrüchten werden hauptsächlich Wein und Oliven angebaut. Außer der Landwirtschaft bilden Glasherstellung und Töpferei heute wie bereits in der Antike wichtige Produktionszweige, da geeignete Rohstoffe in den Alluvialzonen von Pesa und Arno vorhanden sind.

Abb. 1: geographische Lage der Fundplatzes in der Toskana
Abb. 2: Lage des Fundplatzes an der Pesa

Feldforschung

Das Institut für Klassische Archäologie der Universität Wien untersucht seit 2012 den Fundplatz Molino San Vincenzo und betreibt dadurch archäologische Grundlagenforschung in der Toskana. Als universitäre Lehrgrabung vermittelt die Ausgrabung Molino San Vincenzo seit der ersten Kampagne den angehenden ArchäologInnen Basiswissen im Bereich moderner Grabungs- und Dokumentationstechniken. (Abb. 3 bis 5) Die Studierenden werden zusätzlich in Methoden non-invasiver extensiver und intensiver archäologischer Oberflächenuntersuchungen unterrichtet sowie mit fundamentalen Fragen der Fundbearbeitung vertraut gemacht. (Abb. 6)

Abb. 3: Studierende bei der Lehrgrabung
Abb. 4: Vorbereitungen zum Fotografieren
Abb. 5: Kleinfundbergung
Abb. 6: Studierende beim intensiven Rastersurvey 2013

Nachdem der Fundplatz im Zuge eines reconnaissance surveys durch die italienischen Kooperationspartner der Soprintendenza per i Beni Archeologici della Toscana (Dott.ssa L. Alderighi) und die örtliche Associazione Archeologica Volontariato Medio Valdarno (Dott. L. Terreni) als römischer ländlicher Fundplatz anhand von grab samples identifiziert werden konnte, wurde im Jahr 2011 mit den archäologischen Untersuchungen begonnen.

In der Kampagne 2011 erfolgten erste Untersuchungen durch das Institut für Klassische Archäologie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (Prof. Dr. G. Schörner, Dr. M. Boss), wobei sechs Sondagen stratigraphisch ergraben wurden. In vier dieser Sondagen (2, 3, 4 und 6) stieß man unmittelbar nach dem händischen Abtrag des Pflughorizonts, der vereinzelt mit Ziegeln und Keramikfragmenten durchsetzt war, auf den gewachsenen Boden. In zwei Sondagen (1 und 5) wurden jedoch gut nachweisbare Strukturen freigelegt. So wurde in der östlichen Hälfte von Sondage 1/2011, die in einem zweiten Arbeitsschritt auf eine Fläche von 5 x 2 m erweitert wurde, unterhalb einer Steinkonzentration (US 11/101) eine sehr dichte Steinpackung (US 11/107) aufgedeckt. Diese war von insgesamt vier kleineren Verfüllungen mit Steinen unterschiedlicher Größe (US 11/103-106) umgeben, während im Westen eine dichte sandige Schicht hellgelber Farbe zum Vorschein (US 11/102) kam. Insgesamt ist dieser Befund wohl als Versturz einer einfachen Mauer, eventuell einer Einfriedung, und als verfüllte Entnahmegrube zu interpretieren. Der bedeutendste Befund wurde in Sondage 5/2011 ergraben, wo neben zwei Verfüllungen (US 11/502 – 503) regelmäßig geschichtete Blöcke aus Kalkarenit (US 11/501) freigelegt wurden, die eine 80 cm starke Fundamentmauer bildeten und auf einer sandigen Schicht (US 11/504) auflagen. Da dieser Stein nicht lokal ansteht, war eindeutig von intentioneller (Bau-)Tätigkeit auszugehen. Die Sondagen des Jahres 2011 erbrachten dadurch die Bestätigung, dass mit den reichen Oberflächenfunden entsprechende Strukturen zu verbinden sind. (Abb. 7)

Abb. 7: Sondagen 1 - 6/2011, shovel test pits 1 - 11/2013 und vermutete Ausdehnung des Fundplatzes

Seit 2012 werden die archäologischen Forschungen in Molino San Vincenzo durch das Institut für Klassische Archäologie der Universität Wien in Kooperation mit der Soprintendenza per i Beni Archeologici della Toscana (Dott.ssa L. Alderighi) und die örtliche Associazione Archeologica Volontariato Medio Valdarno (Dr. L. Terreni) durchgeführt. Im Frühjahr diesen Jahres unternahm die Universität Molise kleinräumige geophysikalische Messungen (Elektrik) auf einer Fläche von 1050 m². Die Anlage der Messfläche orientierte sich an den Ergebnissen von Sondage 5/2011. Trotz des gering dimensionierten Areals war die Untersuchung insofern nützlich, als die indizierten Anomalien Orientierungshilfen für die Anlage der Schnitte erbrachten. (Abb. 8) So konnte durch einen Schnitt (Schnitt 2/2012) ein Teil des Verlaufes der durch Sondage 5/2011 gefundenen Fundamentmauer geklärt werden. (Abb. 9) Bei dieser knapp 80 cm breiten L-förmigen Mauerfundamentierung handelt es sich um ein massives Bauelement aus ortsfremdem Material, das auf aufgehendes Mauerwerk Rückschlüsse ziehen lässt. Dieses Mauerwerk setzte sich vermutlich aus den vor Ort vorkommenden Flusskieseln zusammen. Obwohl bislang keine dieser Mauern in situ nachgewiesen werden konnte, fand man über die gesamte Grabungsfläche verteilt gerundete Steine, die mit Mörtel versehen waren. Diese Technik ist sehr typisch für das untersuchte Gebiet. Ein weiterer Schnitt (Schnitt 1/2012) ermöglichte die Freilegung einer Landstraße. Die Straße, gesäumt durch zwei Steinsetzungen, war durch planiertes antikes, zumeist keramisches Fundmaterial gekennzeichnet, welches von der späten republikanischen Zeit bis in das 5. Jh. n. Chr. datiert werden kann. (Abb. 10)
Die Kampagne von 2013 vereinigte verschiedene Feldforschungsmethoden: Im Zuge eines intensiven Rastersurveys wurden auf 2, 3 ha Fläche sämtliche Funde innerhalb von 10 x 10 m Grids aufgesammelt. (Abb. 6 und 11) In Ergänzung wurden – um von der visibility unabhängige Aussagen treffen zu können – in regelmäßigen Abständen von 20 m auf einer Strecke von 200 m ein Survey mit insgesamt elf shovel test pits durchgeführt. Beide Methoden ermöglichten es, eine Zone besonders hoher relativer Funddichte zu lokalisieren. (Abb. 7)

Abb. 8: Schnitt 1/2012 und Schnitt 2/2012 – 2013
Abb. 9: 3D-Modell (SfM) von Schnitt 2/2013 mit Objekten 1 und 2
Abb. 10: Objekt 1 (Straße, hervorgehoben) in Schnitt 1/2012 von Osten
Abb. 11: Intensiver Rastersurvey 2013

Abb. 12: Gesamtmessfläche der geophysikalischen Prospektion 2013 (Magnetik)

Durch das Österreichische Archäologische Institut (Univ.-Doz. Dr. Mag. S. Groh) wurde das gesamte Umfeld des Fundplatzes auf einer Fläche von 4,09 ha geophysikalisch mit Magnetik untersucht. Das Ziel der Prospektion belief sich darauf, Daten zur Ausdehnung und räumlichen Gliederung der bislang nicht untersuchten Bereiche um den Fundplatz Molino San Vincenzo und der hier vermuteten antiken ruralen Siedlungsspuren zu erhalten. Archäologische Strukturen konnten im Zentrum festgestellt werden und sind anhand von positiv wie negativ magnetisierten Anomalien erkennbar. Sie bilden einen Komplex von 57 m x 64 m (max.) Ausdehnung. Aufgrund des sich abzeichnenden Grundrisses kann dieser Strukturen-Komplex als Gebäude gedeutet werden und scheint sich in vier Blöcke aufzuteilen. (Abb. 12 und 13) Die Ausgrabung setzte die Arbeiten des Vorjahres fort: So konnten weitere Teile der Mauerfundamentierung (Abb. 14, Objekt 1) und ein zusätzlicher kleiner Mauerzug in Schnitt 2/2013 freigelegt werden. (Abb. 9, Objekt 2) Die Kampagne 2014 wird die Ausgrabungen an der Mauerfundametierung weiterführen.

Abb. 13: vorläufige Interpretation der Daten: Strukturen-Komplex
Abb. 14: Detail von Objekt 1 (Mauerfundament) in Schnitt 2/2013

Funde

Bei den Keramikfunden handelt es sich um vielschichtiges Material, wobei besonders Kochkeramik und Aufbewahrungsbehältnisse gefunden wurden. Zahlreich vertreten sind allerdings auch Tafelgeschirr sowie Transportgefäße, die beide sowohl lokalen als auch entfernten Ursprungs sind. Daneben fand man Fragmente von Bucchero-Gefäßen, welche eventuell einen Hinweis auf ältere Besiedelungsspuren darstellen.

Im Bereich der Fundamentierung wurden Fragmente von großen Dolia und sowohl lokal produzierten als auch importierten Amphoren gefunden. Gerade diese Gefäße liefern einen Einblick in die Prosperität des untersuchten Fundplatzes. Einerseits sind die gefundenen Dolia, bei denen es sich um Vorratsgefäße für die lokal produzierten Güter wie Wein und Olivenöl handelt, aber auch die lokalen Amphoren des Typs Empoli Hinweis für eine starke Produktionstätigkeit in der Region. Andererseits zeigen die Importe, wie sie durch Fragmente einer afrikanischen Amphore belegt sind, die wirtschaftlichen Verbindungen und den Wohlstand der antiken Bewohner von Molino San Vincenzo.Neben Keramik konnte Cocciopesto relativ häufig nachgewiesen werden. Daneben gibt es auf Grund von gefundenen Tesserae Hinweise auf Mosaikböden.

Zu diesen Ergebnissen führte einerseits die grabungsbegleitende Fundbearbeitung und andererseits die Anfang 2013 durchgeführte Magazinkampagne und anschließende Auswertung der Daten. (Abb. 15 und 16) Hierbei wurde die 2012 gefundene Keramik quantifiziert, gewogen und die diagnostischen Scherben graphisch und fotographisch dokumentiert.

Abb. 15: charakteristische Funde von Molino San Vincenzo: a) Tafelgeschirr (Bodenfragment), b) Pflanztopf (Bodenfragment), c) Dolium (Rand), d + e) Cocciopesto mit Einschlüssen
Abb. 16: Studierende bei Fundbearbeitungskamapgne 2013

Villae

Die Befunde und Funde von Molino San Vincenzo können am ehesten als Reste einer Villa interpretiert werden. Die Kultur der römischen villae entwickelte sich bereits im 3. Jh. v. Chr. im Umland Roms. Die weiteste Verbreitung fand dieses Produktionsmodell im 1. Jh. n. Chr. Allerdings lässt sich die landwirtschaftliche Tätigkeit im untersuchten Gebiet bis in das 5. Jh. n. Chr. durch Keramikfunde gut belegen.

Vergleichbare Beobachtungen konnten bereits zwischen 2006 und 2010 im benachbarten Val d’Elsa gemacht werden. Hierbei spielte v.a. der Fundplatz von "Il Monte" eine bedeutende Rolle bei der Erforschung der ländlichen Besiedlung.

Viele der antiken Landgüter gehen auf ältere Strukturen zurück. Häufig in der Nachbarschaft wichtiger und größerer antiker Städte gelegen, versorgten die Höfe einen Teil des Bedarfs der Stadtzentren an agrarischen Gütern in Form von Getreide, Öl und Wein, aber auch Fleisch. Bislang beschäftigte sich die Forschung vorwiegend mit dem Umland Roms und den landwirtschaftlichen Gütern der Provinzen im Nordwesten, dem Nahen Osten, Afrika und Spanien. Das Binnenland Italiens war in diesem Bezug selten Gegenstand des wissenschaftlichen Interesses, weshalb die Untersuchungen des Instituts für Klassische Archäologie der Universität Wien einen grundlegenden Beitrag zur Erforschung von Bevölkerungsstrukturen im ländlichen Gebiet der nördlichen Toskana leisten.

Bibliographie

L. ALDERIGHI, Montespertoli (FI). Molino San Vincenzo: Un nuovo insediamento rurale di età romana in Val di Pesa, in Notiziario Toscana 6, 2010 [2011], 268-271.

L. ALDERIGHI – G. SCHÖRNER – L. TERRENI, Montespertoli (FI). Loc. Molino San Vincenzo: Campagna di scavo 2011, in Notiziario Toscana 7, 2011 [2013], 245-247.

G. SCHÖRNER – L. TERRENI, Montespertoli (FI). Loc. Molino San Vincenzo: Campagna di scavo 2012, in Notiziario Toscana 8, 2012 [2013], 332-334.

G. SCHÖRNER – S. GROH – D. HAGMANN – V. SCHRECK – L. TERRENI, Montespertoli (FI). Loc. Molino San Vincenzo: Campagna di scavo 2013 (im Druck)


Günther SchörnerVeronika SchreckDominik Hagmann

Stand: 21.02.2016

PDF: Version 1 

Website: Version 2

 


Blog: Weinberge und Olivenhaine: Ein archäologischer Sommer in der Toskana

Dominik Hagmann, Felix Eder, Thomas Leutgeb, Nicole Rottensteiner

http://derstandard.at/2000045207415/Weinberge-und-Olivenhaine-Ein-archaeologischer-Sommer-in-der-Toskana

Weinberge und Olivenhaine: Ein archäologischer Sommer in der Toskana - derstandard.at/2000045207415/Weinberge-und-Olivenhaine-Ein-archaeologischer-Sommer-in-der-Toskana

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