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Das Zeusheiligtum von Velia

Projektträger: Institut für Klassische Archäologie

MitarbeiterInnen: MMag. Dr. Dieta Svoboda

Finanzierung: Universität Wien; Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (P 23275_G21; April 2011-2014)

Akropolis, Luftbild

Velia liegt an der der tyrrhenischen Küste Italiens, ca. 50 km südlich von Paestum. Das Bild der Stadt wird topographisch von der Akropolis und dem von ihr landeinwärts führenden Höhenrücken dominiert. Entlang dieses Rückens verläuft ein Teil der Befestigungsanlage der Stadt, der sog. Mauerzug A.

Übersichtsplan Velia (bitte auf das Bild klicken)

Bereits bei den ersten Untersuchungen der Stadtmauer wurde festgestellt, dass mehrere sakrale Bereiche entlang der Befestigungsanlage angelegt wurden. Die archäologische Erforschung der Heiligtümer von Velia durch das Institut für Klassische Archäologie der Universität Wien hat in den Jahren 2004-2008 die Lokalisierung von insgesamt neun Kultplätzen auf dem zentralen Höhenrücken der Stadt erlaubt. Mit dem aktuellen Projekt soll besonders die Problematik der großen Zeusterrasse und der anschließenden Heiligtümer erforscht werden.

Forschungsgeschichte der sog. Zeusterrasse

Die sog. Zeusterrasse gehört zu dem am längsten bekannten Heiligtümern Velias. Bereits in einer ersten Aufnahme der Stadt, die im Jahre 1889 von W. Schleuning durchgeführt wurde, ist die monumentale Terrasse verzeichnet. Erste archäologische Untersuchungen wurden in den späten 1920er Jahren von A. Maiuri durchgeführt, der im Zuge der Grabungen auch die im südwestlichen Teil der Terrasse verstürzten Terrassenmauern wiederherstellte.

Kultplatz 8, Zustand Terrassenmauer um 1930

Kultplatz 8, Sestieri

Schon während dieser Grabungen wurden sowohl die Cippen als auch der Altar freigelegt. In der Folge bezog ebenfalls C. P. Sestieri den Kultplatz in seine Forschungen ein. In den 1960er Jahren fanden nochmals Grabungen, diesmal unter der Leitung von M. Napoli statt. Leider sind von diesen frühen Kampagnen keine oder nur sehr sporadische Aufzeichnungen vorhanden, wie auch der Aufbewahrungsort der Funde unbekannt ist.

Im Rahmen der Untersuchung und Analyse der Stadtbefestigungen beschäftigte sich F. Krinzinger in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts mit der Zeusterrasse, zumal ja auch sie unmittelbar an die Stadtmauer ansetzt. Aus diesen Forschungen ging etwas später eine Diplomarbeit an der Universität Wien hervor, in der sich M. Pedrazzi vor allem mit dem Altar auseinandersetzte. 

Besonders im letzten Jahrzehnt standen die Heiligtümer im Zentrum der Forschungen. Ausgehend von umfassenden Untersuchungen am Mauerzug A, konnte ein am Institut für Klassische Archäologie der Universität Wien verankertes Projekt bereits einen großen Teil der neun festgestellten Heiligtümer untersuchen. Im Zuge von Restaurierungsarbeiten der Stadtmauer wurden vor allem im Jahr 2008 neuerlich Grabungen entlang der Stadtmauer durchgeführt. Im Bereich der sog. Zeusterrasse und des sog. Kultplatz 9 wurde dabei auch die nördlichen Teile der Kultareals angeschnitten. Eine Publikation dieser Ergebnisse ist in Arbeit.

Die Grabungskampagnen 2011-2013

Die Kampagne 2011 fand im September, die Kampagne 2012 im Juni, die Kampagne 2013 im Mai und Juli statt. TeilnehmerInnen der Kampagne 2011, die als Lehrgrabung geführt wurde, waren: Mag. D. Svoboda; C. Aichner, Th. Eder, B. Grammer, M. Gretscher, H. Liedl, J. Politschnig, J. Schnöll, D. Stepanovic, C. Trabitsch.

TeilnehmerInnen der Kampagne 2012 waren: Mag. D. Svoboda; C. Aichner, B. Grammer, M. Gretscher, A. Hochstöger, J. Scheifinger, G. Steininger, S. Wanek, T. Watzinger sowie Dr. G. Augustin (Vermessung, Innsbruck).

TeilnehmerInnen der Kampagne 2013 waren: Dr. D. Svoboda; Mag. I. Kowallek (Bearbeitung der Ziegelfunde); K. Freitag, A. Hochstöger, J. Scheifinger

In allen Kampagnen wurde sowohl auf der Zeusterrasse als auch auf dem Kultplatz Nr. 9 gegraben, wobei die Arbeiter von der Firma Ronca (Salerno) kamen. Der Soprintendentin Dott.ssa Adele Campanelli, der verantwortlichen Leiterin in Velia, Dott.ssa Giuseppina Bisogno, und allen MitarbeiterInnen des Archäologischen Parks in Velia danken wir für ihre Unterstützung in allen administrativen und praktischen Belangen, ganz besonders jedoch für die freundschaftliche Zusammenarbeit.

Die Ergebnisse der Arbeiten auf der sog. Zeusterrasse (Kultplatz 8)

Die Untersuchungen auf der Zeusterrasse betrafen zum einen die Terrassenmauern im Westen (2008), im Süden (2012-2013) und im Osten (2011-2012), zum anderen den zentralen Bereich der Terrasse im Westen des großen Altars. Neben der photogrammetrischen Dokumentation der – zu großen Teilen 1935 wiedererrichteten – Terassenmauern stand vor allem die Identifizierung des Verlaufs der nur mehr durch die Abarbeitungen im Fels feststellbaren Ostmauer sowie die Analyse der komplexen Situation an der Westseite im Mittelpunkt unserer Arbeiten. Dabei konnten an beiden Seiten klare Hinweise auf eine Zweiphasigkeit der Terrasse gefunden werden.

Altar und Einfassung

Im Südwesten des großen Altars wurde eine große zusammenhängende Fläche von mehr als 500 m2 untersucht. In diesem Teil sind im anstehenden Fels mehrere Rinnen, aber auch andere Felsabarbeitungen zu sehen, die vielleicht als Hinweis auf eine nicht näher spezifizierbare bauliche Gestaltung des Bereichs zu sehen sind, möglicherweise aber auch im Zusammenhang mit dem hier festgestellten Steinabbau (siehe infra) zu sehen sind. Unmittelbar südwestlich des Altars konnten im anstehenden Fels Hinweise auf die Aufstellung von Cippen sowie eines möglichen Anbindesteins für Opfertiere dokumentiert werden. Außerdem wurde hier ein nur mehr in geringem Ausmaß erhaltenes Stratum mit Brandresten und kalzinierten Knochen angetroffen, das als Überrest ritueller Handlungen gewertet werden kann. Darüber hinaus konnten Hinweise auf eine nur mehr in den untersten Lagen des Fundaments erhaltene kleinteilige Verbauung festgestellt werden. Da hierfür bereits Fragmente von Veliaziegeln verwendet wurden, die nicht vor dem 3. Jh. v. Chr. hergestellt werden, kommt für sie nur eine Erbauung ab dieser Zeit in Frage. Derzeit ist noch unklar, ob diese Bauten vor der Errichtung der Terrasse existierten oder ob sie zeitgleich mit der Terrasse sind. Aus den Grabungen ergaben sich kaum Hinweise auf die Erbauungszeit des Terrassenheiligtums, die jedoch aufgrund typologischer Vergleiche nicht vor dem 3. Jh. v. Chr. anzunehmen ist.

Rinnen im Fels

Stratum mit Brandresten westlich des Altars
Rinnen im Fels

Ziegelfundamente im zentralen Bereich der Terrasse

Die Arbeiten erbrachten auch neue Erkenntnisse zur Nutzung des Bereichs vor der Errichtung der Terrasse. Durch die bekannten Stelen mit Weihinschriften für Zeus Ourios, Pompaios und Olympios Kairos ist die Existenz eines Kultplatzes seit der zweiten Hälfte des 5. Jh. v. Chr. gesichert; seine genaue Lage konnte jedoch aufgrund der tiefgreifenden hellenistischen Veränderungen nicht mehr lokalisiert werden. 2011 konnte ein ausgedehnter Steinbruch am südwestlichen Rand des Bereichs auf eine Fläche von rund 400 m2 dokumentiert werden, der vermutlich in Verbindung mit der Errichtung der Stadtmauer der zweiten Phase zu sehen ist. Außerdem konnte der Verlauf der schon von Mario Napoli erwähnten Wasserleitung, die vermutlich ebenfalls am Anfang des 4. Jh. v. Chr. angelegt wurde, im Bereich der Zeusterrasse rekonstruiert werden.

Steinbruch
Wasserleitung

Der Kultplatz 9

Reste des Gebäude MK9-2
Ziegellage
Ringguttus

Der große Bereich östlich der Zeusterrasse, der im Osten durch den beim Turm A4 abbiegenden Teil des Mauerzugs A begrenzt wird, stellt mit einer Längserstreckung von rund 75 m ein großes Areal dar, das als Kultplatz 9 angesprochen wird. Der höher gelegene Ostteil wurde bereits im Jahr 2008 teilweise durch unsere italienischen Kolleginnen untersucht, die an der Nordseite entlang der Stadtmauer eine Halle aus Konglomeratstein, eine Zisterne sowie eine Umfassung mit Basen für Stelen und Votivsäulen dokumentierten. Der nach Südwesten anschließende Bereich war von diesem Nordostteil möglicherweise durch eine nur mehr schwach erkennbare Terrassierung abgesetzt. Hier konnten die bereits stark zerstörten Reste von mindestens zwei Gebäuden (MK9-1 und MK9-2) freilegen, von denen der durch ein Ziegelfundament charakterisierte Bau MK9-2 hellenistisch datiert, während der aus Spolien errichtete Bau MK9-1 möglicherweise erst in der Spätantike errichtet wurde. Im östlich anschließenden Bereich fand sich eine Stratenabfolge von einer Mächtigkeit von 1,30 m, die Aufschlüsse über die zeitliche Entwicklung des Platzes erlaubt. Auf dem Nutzungsniveau lagen Zerstörungsschichten aus Ziegeln, die in irgendeiner Form mit Kultaktivitäten, möglicherweise mit einem Schließungsritual beim Umbau des Kultplatzes, in Verbindung zu bringen sind. Ihr Fundrepertoire zeigt eine sehr spezielle Zusammensetzung, vor allem Kochtöpfe und Amphoren des Typus MGS V/VI, was auf Kultmähler im Heiligtum hinweisen könnte. Von besonderem Interesse waren ein fast vollständig erhaltener, eindeutig deponierter Ringguttus sowie ein Kohlebecken mit Silensmaske, der in Athen nicht vor dem zweiten Viertel des 2. Jh. v. Chr. auftritt. Außerdem ist auf den Fund von mehreren Antefixen hinzuweisen, welche die Existenz von Bauten mit Ziegeldächern belegen.

Antefix
Antefix

Interessanterweise konnten bei den Grabungen des Jahres 2013 auch klare Hinweise auf eine frühkaiserzeitliche sowie eine spätantike Nutzung des Platzes gefunden werden. Letztere wird durch einige Fragmente afrikanischer Sigillata der Formes Hayes 61B, 75/76 in die erste Hälfte des 5. Jh. n. Chr. datiert und korrespondiert somit mit den auf Kultplatz 6 festgestellten Befunden.

Verena Gassner

Bibliographie

  • V. Gassner – D. Svoboda, Le aree sacre n. 8 e n. 9 sul crinale di Velia – le ricerche degli anni 2011-2013, http://www.fastionline.org/docs/FOLDER-it-2013-302.pdf
  • V. Gassner – D. Svoboda, Die Zeusterrasse in Velia. Ein Überblick über die Ergebnisse der Forschungen 2008-2013, PdP (in Druck)
  • L. Vecchio, Velia, BTCGI XXI, 2012, 588–719
  • V. Gassner – D. Svoboda, Der Kultplatz 9 in Velia – ein Heiligtum des 3. Jh. v. Chr. Die Ergebnisse der Kampagne 2012. Forum Archaeologiae 64 / IX / 2012  (http://farch.net)
  • V. Gassner, Die Kultplätze Nr. 8 und 9 in Velia: die Kampagne 2011, Forum Archaeologiae 62 / III / 2012 (http://farch.net)
  • G. Bisogno – M. Viscione, Scavo e restauro della cinta muraria. Tratto A e Castelluccio. Lo scavo, in: Tocco 2009, 140-144.
  • V. Gassner – D. Svoboda, L’area sacra n. 8: la terrazza di Zeus, in: Tocco 2009, 130-134
  • L. Vecchio, La storia delle ricerche, in: Tocco 2009, 9-18
  • G. Tocco Sciarelli (Hrsg.), La cinta fortificata e le aree sacre. Velia (Mailand 2009)
  • V. Gassner, Velia 2008: die Zeusterrasse, Forum Archaeologiae 49/12/2008 (http://farch.net)

Die Ergebnisse werden derzeit von V. Gassner und D. Svoboda für den Druck vorbereitet (Velia-Studien V).

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