Ausgrabung Il Monte (San Gimignano, Siena, Italien) Bericht über die Forschungen in den Jahren 2005-2010

Projektbeschreibung

Il Monte ist eine durch Getreideanbau landwirtschaftlich genutzte Flur, die sich nach Südosten Richtung San Gimignano öffnet und von dort etwa 8 km entfernt ist. Etwa 1,5 km nördlich der Fundstelle liegt die "Villa del Monte", zu deren Grundbesitz der Acker auch gehört. Bisher wurde ein Bereich von etwa 0,5 ha begangen, Mitglieder des Gruppo Archeologico di San Gimignano (Giacomo Baldini, Claudio Sangiolo) erfassten Oberflächenfunde aus einem viermal so großen Bereich. Geophysikalisch wurde im Februar 2005 durch Dr. Tim Schüler vom Thüringer Landesamt für Archäologie im Auftrag der Friedrich-Schiller-Universität Jena ein Areal von ca. 10.000 m² (Fluxgatemagnetometer) bzw. 800 m² (Cäsiummagnetometer) untersucht.

Foto: G. Schörner

Festgestellt werden konnte ein Bereich kleinerer Strukturen im Nordosten und eine Ballungszone in der Mitte des Untersuchungsgebiets, der so genannten "area centrale", die auch die meisten Oberflächenfunde lieferte. Nach Interpretation von T. Schüler verweisen diese mittigen Anomalien auf eine tiefer im Boden eingebettete Struktur. Dies ist insofern wichtig, als die architektonischen Überreste somit wohl tiefer liegen als mit Tiefpflügen erreicht (und zerstört) werden konnte. Im Süden des Untersuchungsareals konnte eine Zone mit regelmäßigeren Strukturen angeschnitten werden, ebenso im Osten eine kreisförmige Formation, doch konnte die Untersuchung aufgrund des schlechten Wetters in 2005 nicht fortgeführt werden. Grundsätzlich ließen die geophysikalischen Untersuchungen auf einen größeren Komplex von Strukturen schließen.

Zur ersten Einschätzung des Fundplatzes 'Il Monte' wurde vor allem das reiche Fundmaterial an der Oberfläche herangezogen. Aufgrund des in den letzten Jahren für Surveys gängigen Interpretationsmusters wurde Il Monte als gut ausgestattete Villa oder evtl. als ländlicher Siedlungsplatz (vicus) mit einzelnen architektonischen Aufwandselementen und dekorativen Details (Wandmalerei, Mosaiken, Marmorverkleidung etc.) interpretiert, weil tesserae einer Mosaikdekoration und ein trapezförmiges Stück weißen Marmors – wohl Rest eines opus sectile-Fußbodens – gefunden wurden. Nähere Aussagen zur tatsächlichen architektonischen Gestaltung sollten jedoch in der Kampagne 2006 durch entsprechende kleinere Sondagen gewonnen werden.
Die Deutung als Siedlungsstätte mit gehobenen sozialen Status wurde durch das keramische Material bestätigt. Im Laufe der Begehungen der Jahre 2004 und 2005 durch den Gruppo Archeologico di San Gimignano konnten insgesamt über 300 diagnostisch wichtige Fragmente (Böden und Randscherben) gesammelt werden. Eine erste Sichtung der Feinkeramik im Februar 2005 ergab zunächst folgendes Bild: In chronologischer Hinsicht gehören die Bucchero-Scherben als das früheste Material wohl noch in das 6. Jh. v. Chr., während die jüngsten Fragmente (Terra Sigillata Chiara D) aus dem 4. bzw. 5. Jh. n. Chr. stammen. Unter den signifikanten Fragmenten von Terra sigillata konnten einige gebräuchliche Typen italischer Produktion des späten 1. und frühen 2. Jhs. n. Chr. identifiziert werden. Grundsätzlich überwiegen Gefäße der regionalen Fabrikation mit einem leichten Übergewicht auf späten Formen, also Terra sigillata tardo talica des mittleren und späten 1. und des 2. Jhs. n. Chr.
Im Bereich der Oberflächenfunde konnten wie bei der geophysikalischen Prospektion zwei Schwerpunkte festgestellt werden, die so genannte "area centrale" und eine zweite Konzentration von Scherben und anderen Funden etwas hangabwärts weiter im Süden. Grundsätzlich kann Il Monte als Siedlungsplatz mit sehr langer Belegdauer von etruskischer Zeit bis in die Spätantike angesprochen werden. Er schien sich deshalb besonders für eine Ausgrabung zu eignen, die der Erforschung der ländlichen Siedlungsgeschichte im nördlichen etruskischen Binnenland gilt und insbesondere die Transformationsprozesse bei der Eingliederung der Region in das Imperium Romanum, den vermeintlichen Niedergang der Landwirtschaft während der hohen Kaiserzeit und die Entwicklung von "villa" zu "village" bzw. die Entwicklung am Übergang von Spätantike zum Frühmittelalter erkennen lässt.

Charakteristik

Was ‚Il Monte’ als Fundort besonders charakterisiert, ist das Fundmaterial, das weit über das für eine ländliche Siedlung dokumentierte Bild hinausgeht. Die Menge und der Erhaltungszustand an gefundener Keramik, insbesondere auch Feinkeramik, sind für eine Siedlungsgrabung ausgewöhnlich, so konnten 2008 in einem Brandbefund sechs annähernd vollständige Terra sigillata-Teller auf engstem Raum freigelegt werden.In den Jahren 2006 bis 2008 bildete dieses feine rote Tafelgeschirr einen Großteil des Fundmaterials. Insgesamt ist die nordetrurische terra sigillata tardo-italica außergewöhnlich prominent vertreten. Besonders wichtige Zeugnisse für die bessere Kenntnis der Vertriebswege dieser relativ schlecht erforschten Keramikgattung – und natürlich auch als Datierungskriterien – sind die zahlreichen Stempel dieser Produktion, die auf 'Il Monte' gefunden wurden, so dass wichtige Aussagen zu diesen Werkstätten der zweiten Hälfte des 1. Jhs. und der ersten Hälfte des 2. Jhs. n. Chr. in Pisa und Umgebung getroffen werden können. Als besonders schönes Einzelergebnis ist die Entdeckung eines neuen Bildmotivs auf dieser terra sigillata tardo-italica festzuhalten, ein Zug von Männern mit eng um den Körper gewickelten Mänteln, wahrscheinlich eine Prozession.

Vor allem im Jahr 2008 wurde eine größere Anzahl an Importkeramik ergraben, die die Einbindung des Fundortes in das kaiserzeitliche Fernhandelsnetz noch evidenter macht: Zum einen wurde eine beträchtliche Quantität afrikanischer Terra sigillata des frühen Typs Chiara A gefunden – für den ländlichen Bereich Etruriens nahezu unbekannt - , zum anderen konnte auch Terra sigillata südgallischer Produktion eindeutig nachgewiesen werden, darunter so seltene Erzeugnisse wie marmorierte Terra sigillata.

Funde: Design H. Wabersich

Doch nicht nur das hochwertigere Tafelgeschirr beweist die weit reichenden Beziehungen über Etrurien hinaus, so wurden auch Kochtöpfe und Kasserollen aus Nordafrika nach 'Il Monte' importiert. Aus wirtschaftshistorischer Sicht besonders wichtig sind die zahlreichen Fragmente von Transportamphoren, die die Einfuhr von Lebensmitteln auch aus entfernten Regionen des Imperium Romanum dokumentieren. Neben diesen Zeugnissen für einen ausgeprägten Fernhandel gibt es auch Belege für einen Austausch auf subregionaler Ebene, so wurde die in vielen Fragmenten nachgewiesene so genannte ceramica grigia a vernice nera in verschiedenen Orten im Arno-Tal hergestellt. Aufschlüsse zur lokalen Produktion von Keramik, die hinsichtlich der Verwendung verschiedener Tonvorkommen und Magerungspartikel sowie der Fertigung unterschiedlichster Formen sehr stark differenziert ist, sind durch chemische Untersuchungen und Analysen anhand von Dünnschliffen zu erwarten.

Zwar bildet Gefäßkeramik den Großteil des Materials, doch wird das Fundspektrum auf ‚Il Monte’ durch bedeutsame Einzelobjekte erweitert. Erstmalig konnten gleich in mehreren Fragmenten Öllampen nachgewiesen werden. In verschiedenen Schnitten wurden Schmuck- und Trachtelemente, so eine bronzene Gewandnadel und eine beinerne Haarnadel. Auf die Ausstattung mit Bronzegefäßen weist ein Aufhänger, wohl der Henkel eines Siebes (colum), hin. Die beiden Münzen aus Schnitt 8 des Jahres 2008 belegen Geldumlauf auch in ländlichen Gebieten und können ein Hinweis darauf sein, dass nicht vor Ort hergestellte Waren tatsächlich gekauft wurden und nicht anderweitig nach 'Il Monte' gelangten.
Die grundsätzliche Bedeutung der Grabungen in der Toskana liegt folglich nicht nur in der Erforschung einer ländlichen Siedlung als des am häufigsten existierenden, aber am wenigsten bekannten Siedlungstyps im antiken Italien, sondern vor allem in der Entdeckung der reichen materiellen Kultur und des hohen Lebensstandards im Binnenland Etruriens.

Planzeichnung: S. Pasquinetti

Publikationen

  • G. Schörner, Leben auf dem Lande, Antike Welt 2008/H. 2, 52-62 (allgemein)
  • D. Hädrich, Il Monte, San Gimignano: Untersuchung der dünnwandigen Keramik (ceramica a parete sottile) (Magister-Arbeit Jena 2010)
  • G. Schörner, Dinge und ihre soziale Bedeutung: Behavioral Archaeology, Terra sigillata und die Imelda Marcos-Hypothese, in: E. Tietmeyer u.a. (Hrsg.), Die Sprache der Dinge – kulturwissenschaftliche Perspektiven auf die materielle Kultur (Münster – New York 2010) 53-63 (Terra sigillata).
  • G. Schörner, San Gimignano (SI), Località Il Monte: rapport preliminare delle ricerche, anno 2009 (concessione di scavo), Notiziario della Soprintendenza per I Beni Archeologici della Toscana 5, 2009 (2011), 386-388 (allgemeiner Bericht)
  • P. Attema – G. Schörner (Hrsg.), Comparative Issues in the Archaeology of the Roman Rural Landscape. Site Classification between Survey, Excavation and Historical Categories. 88. Suppl. Journal of Roman Archaeology (Portsmouth/RI 2012).
  • (Hrsg.), Leben auf dem Lande. 'Il Monte' bei San Gimignano: Ein römischer Fundplatz und sein Kontext (Wien 2013).

Im Druck:

  • G. Schörner, Comparison of surface, topsoil and sub-surface ceramic assemblages: The case of ‘Il Monte’ (Tuscany), in Attema-Schörner a.O., 31-41. (Methodik von Survey und Grabung)
  • G. Schörner, Le anfore da trasporto trovate a ‚Monte‘ (San Gimignano): Ceramiche e merci nel retroterra. Colloquio internazionale Empoli 2010 (Amphoren).
  • G. Schörner, Cooking in Roman Tuscany: Innovations and traditions, in: Ceramics, Cuisine and Culture: the Archaeology and Science of Kitchen Pottery in the Ancient Mediterranean World, Conference London, Thursday 16th – Friday 17th December 2010.