Institutsgeschichte

14.10.1868

Einrichtung der ersten Lehrkanzel für Archäologie in Nachfolge der seit 1774 bestehenden Lehrkanzel für Münz- und Altertumskunde.

1.10.1876

Gründung des »archäologisch-epigraphischen Seminars«, das die beiden Studienrichtungen der Klassischen Archäologie und der Alten Geschichte, Altertumskunde und Epigraphik zusammenfaßte und somit eine Wiener Besonderheit darstellte.

Alexander Conze

1869-1877

Alexander Conze gestaltete als erster Ordinarius das Studium der Klassischen Archäologie in Wien und blieb für viele Jahrzehnte prägend für die Ausrichtung dieses Faches. Er sah die Archäologie stets als »große Archäologie«, deren Bedeutung im Erfassen der kulturellen Gesamtheit ganzer Städte und Kulturlandschaften liegen sollte. Diese Betrachtung aller antiken Zeugnisse ungeachtet ihres künstlerischen Wertes machte ihn schon früh zu einem Förderer der provinzialrömischen Archäologie. Gleiche Bedeutung kommt ihm mit den zwei archäologischen Expeditionen nach Samothrake (1873 und 1875) in der Institutionalisierung der Grabungsarchäologie in Wien zu. Hervorzuheben ist die wissenschaftliche Ausrichtung des Unternehmens und die für die Zeit moderne Vorgangsweise, wie sie sich etwa in der Mitnahme eines Photographen zeigt. Auf ihn geht auch die Einrichtung der Archäologischen Sammlung des Instituts zurück. 1877 wurde Conze als Direktor des Skulpturenmuseums nach Berlin berufen, wo seine Laufbahn in der Erforschung Pergamons und im Generalsekretariat des Deutschen Archäologischen Instituts ihren Höhepunkt fand.

Otto Benndorf

1877-1898

Otto Benndorf setzte den Aufbau der Klassischen Archäologie in Wien fort. Die Zahl seiner Schüler war groß (z. B. Rudolf Heberdey, Emanuel Löwy, Paolo Orsi, Emil Reisch, Alois Riegl oder Franz Studniczka); einige von ihnen - wie etwa Löwy und Orsi - wurden weit über die Grenzen des deutschen Sprachraums hinaus bestimmend für die Geschichte der Klassischen Archäologie. Der Schwerpunkt der Tätigkeit Benndorfs lag zweifellos in Kleinasien. Zwei Expeditionen in den Jahren 1881 und 1882 führten nach Lykien zum Heroon von Gjölbaschi-Trysa, dessen Reliefplatten schließlich von ihm für das Kunsthistorische Museum in Wien erworben wurden. 1895 begann Benndorf die Ausgrabungen in Ephesos (gemeinsam mit Rudolf Heberdey), deren rasche Ausweitung ihn auf die Errichtung eines eigenen »Grabungsinstituts« drängen ließ, das 1898 im Österreichischen Archäologischen Institut verwirklicht wurde. Benndorf wurde sein erster Direktor und legte die Professur im gleichen Jahr nieder.

1884

Übersiedlung des Instituts vom Dr. Ignaz Seipel-Platz 2 (heute Sitz der Österreichischen Akademie der Wissenschaften) in das neue Hauptgebäude am Ring.

1898-1933
Benndorfs Nachfolger wurde sein Schüler Emil Reisch, in dessen Amtszeit das Entstehen der kunsthistorischen »Wiener Schule« von Wickhoff und Riegl fällt. Ihre neuen Ansätze im Verständnis der römischen und spätrömischen Kunst wirkten weit über Wien hinaus und beeinflußten auch die »Strukturvorstellungen« von Guido Kaschnitz von Weinberg, einem Schüler von Emil Reisch. Nach dem Tod von Robert von Schneider übernahm Reisch 1909 auch die Direktion des Österreichischen Archäologischen Instituts. Sein Organisationstalent und sein Geschick im Umgang mit Menschen ließen Reisch eine bedeutende Karriere an der Universität machen, deren Dekan (1910/11) und Rektor (1916/17) er wurde.
Nach dem Zusammenbruch der Monarchie und in der schwierigen Zwischenkriegszeit wurde eine völlige Umstrukturierung des Universitätsinstituts ebenso wie des Forschungsinstituts erforderlich. Die erzwungene Reduktion des Grabungsbetriebs im Mittelmeerraum führte zu Grabungsunternehmungen im Inland, etwa in Carnuntum oder in Virunum, aber auch zu einer verstärkten Publikationstätigkeit. Trotz der schlechten wirtschaftlichen Lage konnte der Personalstand ausgeweitet werden. Der seit 1910 als Assistent an der Archäologischen Sammlung angestellte Camillo Praschniker bekam 1929 in Arnold Schober einen Kollegen, der besonders den provinzialrömischen Forschungsbereich abdeckte; gleichzeitig wurde Franz Miltner Bibliothekar. Auch Emanuel Löwy, der mit Ausbruch des 1. Weltkriegs seine Professur in Rom niedergelegt hatte und 1915 aus Italien nach Österreich zurückgekehrt war, konnte 1918 schließlich ein Extraordinariat in Wien erhalten, das er bis 1928 innehatte. Löwy, der 1938 verstarb, wurde durch seine Freundschaft mit und seinen Einfluß auf Sigmund Freud über die klassische Archäologie hinaus bekannt.

1921

promovierte Gisela Weyde als erste Frau in Wien in Klassischer Archäologie.

1928-1931

wurden die ersten archäologischen Lehrgrabungen auf dem Duel (Kärnten) unter der Leitung von Rudolf Egger und des deutschen Vor- und Frühgeschichtlers Gerhard Bersu abgehalten, der somit wie in Deutschland, Ungarn und Bulgarien auch in Österreich zum Begründer der modernen Grabungstechnik wurde.

1934-1949

Camillo Praschniker übernahm gleichzeitig mit der ordentlichen Professur - bis 1945 gemeinsam mit Rudolf Egger - auch die ehrenamtliche Leitung des Österreichischen Archäologischen Instituts, das 1935 völlig an die Universität angegliedert wurde. Zu den ersten Aufgaben Praschnikers gehörte die Neuordnung und Erweiterung der Gipssammlung des Instituts, die seit 1936 von Hedwig Kenner in der Nachfolge von Arnold Schober betreut wurde. Sein besonderes Interesse galt dem Parthenon. Bekannt sind seine Studien zu den Parthenonmetopen und zur Rekonstruktion der Athena Parthenos.
Die Forschungsschwerpunkte des Instituts nach dem Krieg konzentrierten sich auf die Fortführung der von Reisch begonnenen Arbeiten in Österreich, besonders in Kärnten, so stand auch die Wiederaufnahme der Grabungen auf dem Magdalensberg 1948 unter der Leitung von Camillo Praschniker.

1951-1953

Otto Walter war Schüler von E. Reisch. Er arbeitete lange Zeit am ÖAI in Athen (1908-1938, mit Unterbrechung 1916-1921) und leitete Ausgrabungen in Elis und Aigeira. Seine Beschreibung der Reliefs im Kleinen Akropolismuseum (1923) ist bis heute nicht ersetzt worden. 1951 übernahm er als Nachfolger von C. Praschniker den Lehrstuhl an der Universität Wien. 1953 wurde er emeritiert.

1953-1961

Fritz Eichler trat die Professur als pensionierter Leiter der Antikensammlung des Kunsthistorischen Museums an. Diese Tätigkeit spiegelt sich auch in seinem wissenschaftlichen Oeuvre wider. Trotz seines fortgeschrittenen Alters übernahm Eichler auch die Direktion des Österreichischen Archäologischen Instituts und leitete 1954 die Wiederaufnahme der Grabungen in Ephesos ein, deren Grabungsleitung zunächst Miltner, ab 1959 Eichler innehatte.

1956

Umbenennung in »Institut für Alte Geschichte, Archäologie und Epigraphik«

Hedwig Kenner

1961-1980

Hedwig Kenner, Schülerin von Camillo Praschniker und seit 1936 Assistentin der Sammlung des Instituts, zählte als selbständige, wissenschaftlich tätige Frau zu den Pionierinnen des Faches in Österreich. Im Zentrum ihres Interesses stand die Lehre, die von ihren umfassenden Zyklen zur antiken Kunst bis zur Betreuung von mehr als 70 Doktorarbeiten reichte. Ihr wissenschaftliches Werk zeigt mehrere Schwerpunkte, von denen einer zweifellos die Beschäftigung mit der griechischen Kunst und dem griechischen Theater war. Fast ebenso wichtig muß ihre Tätigkeit im Bereich der provinzialrömischen Archäologie eingestuft werden, wo sie seit 1948 an den Grabungen auf dem Magdalensberg teilgenommen hatte.

Hermann Vetters

1969-1985

1969 wurde an der Universität Wien ein zweites Ordinariat für Klassische Archäologie unter besonderer Berücksichtigung der Feldarchäologie und Altertumskunde geschaffen und mit Hermann Vetters besetzt. Gleichzeitig übernahm Vetters die Leitung des Österreichischen Archäologischen Institutes sowie der Grabungen von Ephesos. Bestimmend für seine Interessen waren neben dem Einfluß seines Vaters, der Geologe war, zweifellos die Person seines Lehrers Rudolf Egger, aber auch die ersten Grabungserfahrungen 1935 und 1938 auf dem Ulrichsberg sowie 1936-37 in Bulgarien bei Gerhard Bersu und Ivan Velkov. Vetters setzte neue Maßstäbe für die Entwicklung der Ausgrabungstechnik in Österreich, aber auch im Bereich der Mittelalterarchäologie leistete er mit den Grabungen im Salzburger Dom (1956-1958 sowie 1966) Pionierarbeit. Er gehörte auch zu den ersten, die sich für eine aktive Einbindung der Archäometrie einsetzten.

1978-1993

bekleidete Wilhelm Alzinger die Planstelle eines a. o. Professors. Wie in seinem wissenschaftlichen Oeuvre bildeten Architektur und Bauforschung auch die Schwerpunkte der Lehre Alzingers.

1982-2001

Jürgen Borchhardt brachte den traditionsreichen Schwerpunkt der Lykienforschung zurück ans Institut. In organisatorischer Hinsicht setzte er sich für die Einrichtung eines selbständigen Institutes für Klassische Archäologie ein, die am 15. 5. 1984 nach der Auflösung des alten Instituts für Alte Geschichte, Archäologie und Epigraphik erfolgte. 1988 übersiedelte das Institut in den ersten Stock des neu geschaffenen »Archäologiezentrums« im Währinger Park.

1989-2008

Mit Fritz Krinzinger als Nachfolger von Hermann Vetters erhielt das Wiener Institut einen neuen Forschungsbereich in Großgriechenland sowie mit Velia und mit Altheim zwei neue Grabungsplätze. Krinzinger übernahm zusätzlich zu seiner Professur 1995 die Leitung des Österreichischen Archäologischen Instituts.

1999

Ernennung von Renate Pillinger zur Universitätsprofessorin für Frühchristliche Archäologie.

3.11.1999
Umwandlung des Instituts für Klassische Archäologie in ein Institut nach UOG 93 (Teil 5 der Satzung "Gliederung und Leitung der Universität Wien" II Gliederung der Universität Wien, § 2 Institutsgliederung).

2000-2010

Vertragsprofessur für Andreas Schmidt-Colinet

SS 2003

Ernennung von Marion Meyer zur Universitätsprofessorin für Klassische Archäologie

WS 2011/2012

Ernennung von Günther Schörner zum Universitätsprofessor für Klassische Archäologie

 

WS 2017/2018

Ernennung von Basema Hamarneh zur Universitätsprofessorin für Spätantike und frühchristliche Archäologie

Bibliographie

Angesichts der Bedeutung des Instituts für Klassische Archäologie beschäftigen sich erstaunlich wenige Arbeiten mit seiner Geschichte und Entwicklung. Dies liegt zum Teil darin begründet, daß die Grenzen zu zwei anderen Institutionen in administrativer und personeller Hinsicht nicht immer klar sichtbar waren: Zum einen zum Institut für Alte Geschichte, Altertumskunde und Epigraphik, mit dem es bis 1984 ein gemeinsames Institut bildete, zum anderen zum Österreichischen Archäologischen Institut, das über lange Zeiten seiner Geschichte dem Universitätsinstitut angegliedert war und erst 1981 wieder ein eigenständiges Forschungsinstitut wurde. Es wurde bis 2006 von einem Professor des Instituts für Klassische Archäologie geleitet. Dadurch kann ein Teil der Institutsgeschichte, vor allem der Personengeschichte, durch die in den letzten Jahren anläßlich der Hundertjahrfeiern des Österreichischen Archäologischen Instituts bzw. der Grabung Ephesos erschienen Bände zur Forschungsgeschichte abgedeckt werden. Siehe ferner die Diplomarbeit von Martina Pesditschek zu den Professoren der Alten Geschichte in Wien (1996).

  • E. Weber, Hundert Jahre Institut für Alte Geschichte, Archäologie und Epigraphik, Römisches Österreich 4, 1976, 301 ff.
  • H. Kenner - G. Dobesch - E. Kirsten, Hundert Jahre Institut für Alte Geschichte, Archäologie und Epigraphik der Universität Wien (1876-1976), Maschinengeschriebenes Manuskript, Wien (1977)
  • M. A. Niegl, Die archäologische Erforschung der Römerzeit in Österreich. Eine wissenschaftliche Untersuchung. DenkschrWien 141 (1980)
  • R. Lullies - W. Schiering (Hrsg.), Archäologenbildnisse (1988): A. H. Borbein, Alexander Conze, 59 ff.; H. Kenner, Otto Benndorf, 67 ff.; H. Döhl, Franz Studniczka, 138 f.; H. Kenner, Emil Reisch, 150 f.; H. Kenner, Emanuel Löwy, 120f.; E. Diez, Rudolf Heberdey, 152 f.; E. Diez, Arnold Schober, 232 f.; H. Kenner, Camillo Praschniker, 224 f.; H. Kenner, Otto Walter, 214 f.; R. Noll, Fritz Eichler, 240 f.
  • E. Rudolf, Hephaistos 13, 1995, 187-220
  • G. Wiplinger - G. Wlach, Ephesos. 100 Jahre österreichische Forschungen (1995)
  • Martina Pesditschek, Die Professoren der Alten Geschichte an der Universität Wien, Dipl. Arbeit Wien (1996)
  • 100 Jahre Österreichisches Archäologisches Institut - 1898 - 1998 (1998)
  • F. Brein, Emanuel Löwy. Ein vergessener Pionier (1998)
  • R. Pillinger, Zur Genese der Christlichen Archäologie in Österreich. MiChA 5 (1999) 74-90
  • V. Gassner, Zur Geschichte des Instituts für Klassische Archäologie der Universität Wien, Forum Archaeologiae 17/XII/2000
  • M. Meyer, Archäologische Sammlung, in: Schaukästen der Wissenschaft. Die Sammlungen der Universität Wien (Wien 2012) 33-36
  • J. Bauer, Gipsabgüsse zwischen Museum, Kunst und Wissenschaft. Wiener Abguss-Sammlungen im späten 19. Jahrhundert, in: Ch. Schreiter (Hrsg.), Gipsabgüsse antiker Skulpturen. Präsentation und Kontext (Berlin 2012) 273-290